The Cosmic House!

Charles Jencks‘ Versuch, „Bedeutung in die Architektur zurück zu bringen“ findet sich in seinem Haus in Westlondon, das vor kurzem als Museum unter dem Namen „The Cosmic House“ eröffnet wurde und absolut sehenswert ist (ich konnte es im November besuchen): Ein gebautes Manifest des Post-Modernismus, ein Albtraum für manche, aber auch ein wunderbares Beispiel eines idiosynkratischen Architektenhauses. „Cosmic“, soviel ist klar, bedeutete für Jencks (1939-2019) alles, was im Modernismus verboten und verpönt war: Symbole, Metaphern, Anspielungen, persönliche Vorlieben, Ironie.

In a way we were trying to put meaning back into architecture because signification was the great taboo or the great undiscussible element – and for so many other reasons. Charles Jencks, ‚half modern, half something else‘ / Interview mit Martin Beck, 2003

Anders ausgedrückt, lernen wir von Anfang an die kulturellen Zeichen, die jeden städtischen Ort für eine soziale Gruppe, eine wirtschaftliche Klasse und reale, historische Menschen auszeichnen, während die modernen Architekten ihre Zeit damit verbringen, alle diese spezifischen Zeichen zu verlernen, bei dem Versuch, für den Universalmenschen oder für den Mythos vom modernen Menschen zu planen. Charles Jencks, Die Sprache der postmodernen Architektur, Stuttgart, 1980 (Zweite deutsche Auflage)

Der größte Fehler, den die Architekten in diesem Jahrhundert begangen haben, ist vielleicht der, überhaupt geboren zu sein. (Ebd.)

Architekturikonen müssen leiden (XXIII)

Villa Rotonda, by Andrea Palladio bei Vicenza/Veneto // The Ideal Villa, so nannte sie Colin Rowe, und da hat er irgendwie recht: denn die „Villa“ ist nicht so sehr ein Landhaus, in dem die „einfachen“ Dinge des Lebens gepflegt werden, als ein repräsentatives Gebäude, das auf Blickfang aus ist. Ein griechischer Tempel mit vier gleichen Seiten/Fassaden inmitten der bukolischen italienischen Landschaft. Entworfen und erbaut von Andrea Palladio, dem Renaissance-Architekten und grossartigen Erneuerer antiker und mittelalterlicher Baustrukturen um 1570. Selbst Goethe ist der Widerspruch zwischen (Selbst)-Anspruch und Plan aufgefallen:

Der Raum, den die Treppen und Vorhallen einnehmen, ist viel größer als der des Hauses selbst; denn jede einzelne Seite würde als Ansicht eines Tempels befriedigen. Und: Vielleicht hat die Baukunst ihren Luxus niemals höher getrieben.

Bei meinem Besuch Anfang August 2021 wurde die Villa Rotonda renoviert. Aber: Wenn es eine Architekturikone gibt, dann diese!

Architekturikonen verdienen Respekt (VIII)

Das schönste Gebäude der Welt ist meiner Meinung nach das großartige Kulturzentrum ZIL im Moskauer Stadtteil Danilovsk. Geplant von Aleksander Vesnin und seinen Brüdern Viktor und Leonid in den frühen 1930er Jahren als Arbeiter*innenclub des größten sowjetischen Motorenwerks der Sowjetunion, dient es seit der Stillegung der Fabrik als zeitgenössisches kommunales Kulturzentrum. Mit mehreren Auditorien, Sälen, Veranstaltungsräumen, einem Planetarium und einem Restaurant – heute Bibliothek – stellte es ein Ideal sowjetischer Bildungs- und Kulturpolitik dar. An verschiedenen Details des an sich nüchternen konstruktivistischen Baus liest sich das noch ab, wie den strahlenförmigen Deckenverzierungen, die das Licht und die Sonne (einer neuen Zukunft) symbolisieren. Noch kaum je habe ich eine so perfekt ausbalancierte Architektur gesehen: Variierende Raumhöhen und „würdevolle“ Verbindungen der verschiedenen Gebäudeteile tragen zu einer ganz besonderen – vielleicht sogar erhabenen – Atmosphäre bei.

Alle Aufnahmen März 2020

Die Erfindung der autonomen Architektur

Doctor rerum socialium oeconomicarumque. erworben am 1. Februar 2021 auf der TU Wien. Ich freue mich darüber. Es ist der Abschluss eines jahrelangen Studiums im Bereich Architekturwissenschaften mit einer Dissertation unter dem Titel: Die Erfindung der autonomen Architektur. Eine Untersuchung zur Genealogie von Emil Kaufmanns kunst- und architekturhistorischem Begriff der Autonomie und dessen Rezeption in der Nach- und Postmoderne.

Ich untersuche darin unbekannte Quellen zum Schaffen des österreichischen, von den Nazis vertriebenen Architekturhistorikers Emil Kaufmann (1891–1953) und setze sie in Kontext zu seinem Begriff der Autonomen Architektur, den er in den 1920er- und 30er-Jahren entwickelt hat. Zudem enthält die Arbeit Verweise und Aktualisierungen von Kaufmanns Autonomer Architektur bei Architekten des späten 20. Jahrhunderts wie Aldo Rossi, Peter Eisenman, Philip Johnson, Oswald Mathias Ungers oder Pier Vittorio Aureli. Die Dissertation setzt sich mit diesem schillernden, von Kaufmann geprägten Begriff auseinander, der bis heute durch die Architekturtheorie „spukt“, wie Christian Kühn von der TU Wien in seinem Gutachten schreibt, der aber gleichzeitig durch seine uneingelösten Versprechen auch ein utopisches Moment behalten hat.

(Selbst) Architekturikonen müssen leiden (XXII)

Londons City wächst in einem wahnsinnigen Tempo: Was gestern noch alleine stand, ist morgen schon umzingelt. Es ist atemberaubend und beängstigend zugleich. Jedoch nicht alles, was gebaut wird, ist die Folge der schleichenden Zerstörung von Londons Altbausubstanz… Norman Fosters Swiss Re Tower (aka The Gherkin! – auf den Fotos 1-5) wurde 2001-2003 auf einem „freien“ Grundstück errichtet, nachdem das Gelände mit dem Gebäude der Baltic Exchange 1992 von der IRA zerbombt worden war. Fosters Bau wirkt heute wie ein Gruss aus der Vergangenheit. / Alle Fotos Nov./Dez. 2020

London’s city is growing at an insane rate: what stood alone yesterday will be surrounded tomorrow. It is both breathtaking and frightening. However, not everything that is being built is the result of the creeping destruction of London’s old buildings …. Sir Norman Foster’s Swiss Re Building (aka The Gherkin! – pics 1 to 5) was built in 2001-2003 on a „vacant“ plot of land after the site containing the Baltic Exchange building was bombed by the IRA in 1992. Foster’s building today looks like a greeting from the past.

Architekturikonen verdienen Respekt (VII)

Venedig, Punta della Dogana, markanter Ankerplatz und Umschlagplatz von Waren, am Beginn zum Canal Grande. Um 1680 von Giuseppe Benoni, der Umbau von Tadao Ando 2008/09 in ein Museum moderner Kunst. Fortuna oben auf der Weltkugel, jedoch und vor allem auch die Tierskelette am Fries – Zeugen einer archaischen Bedeutung von Architektur, die im symbolischen Opfer liegt, im Kult und in der Verschwendung.

Now, first, to define this Lamp, or Spirit of Sacrifice, clearly. I have said that it prompts us to the offering of precious things merely because they are precious, not because they are useful or necessary. It is a spirit, for instance, which of two marbles, equally beautiful, applicable and durable, would choose the more costly because it was so, and of two kinds of decoration, equally effective, would choose the more elaborate because it was so, in order that it might in the same compass present more cost and more thought.

John Ruskin, The Seven Lamps of Architecture

Architekturikonen müssen leiden (XX)

ledoux_villette

Die grandiose Rotonde de la Villette, eines von vier noch existierenden Zollhäusern von Claude Nicolas Ledoux, von ca. 1785:Revolutionsarchitektur“ at its best. Das sahen natürlich nicht alle so. Die verhassten Schranken des Zollgürtels von Paris wurden nach der Französischen Revolution fast alle demoliert:

Le mur murant Paris rend Paris murmurant. – Der Wall rund um Paris weckt den Groll von Paris.