Die Aufklärungsstiege //

Die Stiege, die zur grossen Halle des Courtauld Institute of Art in London führt, heisst auch – alles versprechend – „Aufklärungsstiege“. Dies, weil sie von unten, vom Dunkel ins Licht nach oben führt, wo sich der Eingang zu The Great Room, einem Ausstellungsraum, in dem die jährlichen Sommershows der Royal Academy gezeigt wurden, befindet. William Chambers, der Architekt, entwarf eine enge Spirale, auf deren hohen Stufen die zeitgenössischen Besucher*innen stolperten und sich gegenseitig behinderten. So wurde der Traum von der Aufklärung und einer besseren Welt zum Lachschlager für die Massen. William Chambers feiert bald seinen 300. Geburtstag: Geboren am 23. Februar 1723!

Die wunderbare Anna Andreeva

Aus gegebenem Anlass: Mein Text, der auf Monopol Online am 17. November 2022 erschienen ist … hier …

Anna Andreeva: Der Look der „Soft Power“

Am 6. Juni 1988 erschien das us-amerikanische Nachrichtenmagazin Time Magazine mit einer Titelgeschichte über Raisa Gorbatschow, die Ehefrau des in diesem Jahr verstorbenen letzten Staatspräsidenten der Sowjetunion. Neben einem Porträt, das Raisa strahlend lächelnd, aufgeweckt und mit modischem Pixiehaarschnitt zeigt, lautet die Überschrift der Story: Raisa – A new image for the Sowjet Union’s overworked, underappreciated women. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass Frau Gorbatschows Bekanntheit offenbar soweit vorausgesetzt werden konnte, dass allein ihr Vorname genügte, um sie dem amerikanischen Publikum zu präsentieren, sondern auch, dass „Raisa“ stellvertretend für die neue sowjetische Frau steht. Dies ist, so suggeriert das Foto, eine weltoffene Person, die das düstere, von grauen Politbonzen und undurchdringlichen Mienen geprägte Sowjetimperium durch Charme und Esprit ausgebremst hat. Bemerkenswert aber ist auch das Emblem unter ihrem Namen, eine grafische Fusion von Internationalem Frauenzeichen und dem kommunistischen Hammer und Sichel des Arbeiter- und Bauernstaats. Dies alles signalisiert Wandel und Aufbruch in eine neue Epoche – eine Epoche, die nur ein Jahr später mit dem Fall des Eisernen Vorhangs einen Kristallisationspunkt erreichen würde.

Zu dieser medialen Präsentation als neuem Gesicht einer Bewegung gehört indes auch ein besonderer Look, der mit einem eigenen Kleidungsstil verbunden ist: Raisa Gorbatschow trägt eine Bluse in apartem Streifenmuster in hellen, pastellenen Farben. Und dieser Look hat einen Namen: Anna Andreeva. Als Künstlerin einer staatlichen Textilfabrik entwarf sie im Laufe ihres Lebens hunderte von geometrischen Designs, die eine eigene Form von russischem Modernismus begründeten, etwas, das die staatlichen Eliten eigentlich durch die Etablierung des strikt figurativen Sozialistischen Realismus zu verhindern suchten. Raisa Gorbatschows und mit ihr viele weitere Berühmtheiten des öffentlichen Lebens in der Sowjetunion liebten aber gerade diese frischen Motive und den damit verbundenen Style.

Anna Andreeva (1917-2008) war aber nicht nur eine experimentelle Künstlerin, die beispielsweise den Zufall in ihre Designs einbaute, sondern auch eine bemerkenswerte, unabhängige Figur innerhalb der russischen Kulturwelt, da sie nie Mitglied der kommunistischen Partei war. Sie war die führende Entwerferin in einer der prestigeträchtigsten und stolzesten staatlichen Textilfabriken, der nach Rosa Luxemburg benannten Red Rose Silk Factory, wo sie Schals und Stoffe entwarf, gleichzeitig aber das rigide kontrollierende Politsystem ständig mit ihren autonomen Designentwürfen unterlief. Geboren wurde sie in eine aristokratische russische Familie in der Nähe von Tambov, rund 400 Kilometer südöstlich von Moskau, wo sie die Wirren der kommunistischen Revolution als kleines Kind erlebte. Sie erhielt ihre Ausbildung zur Textildesignerin in der berühmten Schule der Vchutemas, der radikalen Avantgarde-Kunstschule der frühen Sowjetzeit. Wurden Frauen am Bauhaus der Weimarer Republik – dem Pendant zu den Vchutemas – eben aus dem Grund, weil sie das falsche Geschlecht verkörperten, nicht zur Architekturausbildung zugelassen, so war die diesbezügliche Ablehnung, die Andreeva erfuhr, ihrer aristokratischen Herkunft geschuldet. Die Konsequenz war in beiden Fällen dieselbe: Frauen besuchten die Textilklassen ihrer avantgardistischen Schulen, weil Textil ein vermeintlich dem Weiblichen zugeordnetes künstlerisches Medium war. Anna Andreeva konnte für ihre Designs bereits auf eine abstrakte Tradition zurückgreifen, die bis zum Konstruktivismus zurückreichte: Varvara Stepanova, Liubov Popova oder Ludmila Mayakovskaya (die Schwester von Vladimir Mayakovski), führende Künstlerinnen Moskauer Textilfabriken, haben in den 1920er-Jahren begonnen, Stoffe mit abstrakten Mustern zu entwerfen. Diese Annäherung an die internationale Avantgarde hielt sich nur kurze Zeit: Die Verbannung jeglicher abstrakter Kunst wurde später mit dem Verweis auf deren „bourgeoise“ Herkunft begründet.

Als Anna Andreeva 1941 in die staatliche Red Rose Silk Factory aufgenommen wurde, hatte sie ihre Ausbildung beendet und war eine junge Künstlerin, imprägniert von modernistischen Ideen und immer auf der Suche nach einer wissenschaftlichen, beziehungsweise einer mathematischen Begründung ihrer Kunst. Sie interessierte sich für die Beziehungen zwischen dem ästhetischen Auftritt und dem materiellen Gefüge, die sich im Textilen aus dem repetitiven Entstehungsprozess des Rapports (der irreversiblen Wiederholung eines Musters) ergeben. Und so entwarf sie geometrische Kubenmuster, Stoffe mit verschiedenen Zahlenkombinationen oder von der damaligen Modewissenschaft Kybernetik inspirierte Ornamente, die algorithmische Strukturen zu zitieren scheinen. Sie erfand vorzeitig ein Design, das mit einem QR-Code gleichgesetzt werden kann, und zwar bereits im Jahr 1978. Wie ähnlich dieses Muster dem heutigen QR-Code tatsächlich ist, illustriert die Tatsache, dass es einem Besucher vor ein paar Jahren in der Moskauer Tretjakow Galerie nicht gelang, ein Bild davon mit dem Smartphone zu fixieren, da das Handy die Verwendung eines Q-R-Scanners forderte. Jedoch waren gerade solche Entwürfe enorm rechtfertigungsbedürftig bevor sie in die Produktion gingen. Inzwischen hatte sich der Imperativ der staatlichen Kunstdoktrin gedreht, er lautete nun Sozialistischer Realismus und Figuration war Gebot. Dass Anna Andreeva in dieser Situation überhaupt entwerferisch tätig sein konnte, war ihrer immensen Originalität geschuldet, die es ihr erlaubte, künstlerisch-revolutionäre Designs mit den offiziellen Maßstäben der proletarischen Eliten zu vereinbaren. …. Weiterlesen auf Monopol.de

Kontinuität & Ambivalenz

… ist der erste Titel der vier Essays, die ich für die neue, wunderschöne Publikation von Pichler & Traupmann Architekten schreiben konnte. Der Text beginnt so:

„Ambivalenz ist ein Schlüsselbegriff der Moderne, genauso wie manch anderer, wie ‚Selbstreflexivität‘ zum Beispiel. Der Begriff entstand im Kontext der Psychoanalyse im frühen 20. Jahrhundert, in der Hochphase des letzten industriell geprägten Zeitalters. Erst da also wächst das Bewusstsein, dass Gefühle und manchmal auch Dinge verschiedene Seiten haben können (lat. ambo). Vor diesem Hintergrund betrachtet ist Ambivalenz die Kehrseite des ‚Unambivalenten‘, des Eindeutigen, und sie ist auch mit den großen Vorhaben der Neuzeit verbunden, mit der Wissensexplosion oder der kolonialen Expansion und mit einem Hang zur totalen Ordnung. Es scheint also kein Zufall, dass mit dem Aufkommen des Begriffs Ambivalenz auch ein erstes Moment der Modernekritik fassbar wird.“

Die weiteren Texte, die jeweils die Einleitung zu den entsprechenden Kapiteln mit den Projekten des Wiener Architekturbüros bilden, sind: Schichten & Ebenen, Modul & Matrix, Transformation & Expansion. Schau rein, es macht Spaß, die ambitionierte Architektur kennenzulernen.

Das Pdf zum Download:

Das Buch: Pichler & Traupmann Architekten, Spannung im Raum. Hrs. von Matthias Boeckl und Eva Guttmann, Park Books, Zürich, 2022


Architekturikonen verdienen Respekt (IX)

Die Nationalbibliothek von Kosovo (1971-1982) von Andrija Mutnjaković ist einer der aktuellen Austragungsorte der Manifesta 14 in Prishtina. Ihr futuristischer Look basiert auf dem Metallgitter, das das Gebäude wie ein Schutzschild umgibt, ihre dutzenden Plexiglaskuppeln nehmen die Metallstruktur auf und verbreiten mildes Licht im Innern. Das Gebäude wird immer noch benutzt, vor allem auch als Kunstbibliothek . Aufgrund ihrer Geschichte als jugoslawisches Bauprojekt und des nicht bewältigten traumatischen Kriegs mit Serbien, ist und war die Bibliothek nicht unumstritten, da sie als Gebäude der serbischen Repräsentation in Kosovo wahrgenommen wird.

La Biennale Arte 2022

Alle Jahre wieder, muss man sagen, wenn wir die Architektur-Biennale mitzählen, und jetzt natürlich post-pandemisch: Wie finden wir die aktuelle 59. Ausgabe der Kunst-Biennale in Venedig? Wir finden sie toll! Zum Nachlesen zwei meiner Lieblingspavillons, den Rumänischen und den Spanischen, über die ich für Kunstbulletin / Artlog.net geschrieben habe: artlog.net.ch

Und gleich hier:

Texte: Diesmal: in springerin

Aktuelles aus der Schreibwerkstatt: Erschienen in der Frühjahrsausgabe der Zeitschrift springerin 1/22 > beide Texte: © Patricia Grzonka

Text 1: Ausstellungsreview Feliza Bursztyns Retrospektive im Muzeum Susch, 18.12.2021 – 26.06.2022 im Engadin/CH:

Text 2: Buchkritik des formidablen Bands „Rechte Räume“ von Stephan Trüby, erschienen beim Birkhäuser Verlag, 2020

Stano Filko Vortrag online

2005 erschien im Prager Verlag Arbor Vitae eine erste biographische Monographie über den sklowakischen Künstler Stano Filko (1937-2015), deren Text ich damals geschrieben habe. Filkos Kunst verbindet konzeptuelle Ansätze, Environments, Malerei und Installation in einem komplexen und vielschichtigen symbolischen Referenzsystem. Der Essay entstand auf der Basis von rund fünfzehn Atelierbesuchen beim Künstler in Bratislava. Dieses Jahr zeigt die Halle für Kunst Steiermark in Graz eine umfassende Retrospektive, die alle Phasen des eklektischen Werks enthält. Im Rahmen dieser Ausstellung ‚A Retrospective‘ hielt ich am 31. März einen Vortrag mit dem Titel „Eine Leiter zum Universum“. HIER der LINK zum VIDEO!

Halle für Kunst Steiermark, Graz, 31. März 2022 // Lecture Stano Filko

Luxus und Pandemie

traverzine, issue 08

Ein Text zur Pandemie, der in London während der fast aussschließlichen Bedingungen des Lockdowns und der Quarantäne 2020 und 2021 entstanden ist. Es geht um Architektur und Geschichte im East End Londons, Ausnahmebedingungen und die neoliberalen Veränderungen des Stadtbilds. Genauso aber auch um die Freiheit, die wir jeden Tag in unseren Bleiben geniessen dürfen.

Vielen Dank an Sarah Waring und ihrer wunderbaren Plattform traverzine, wo der Text downgeloadet werden kann – bald auch in Englisch!: traverzbooks.net