Anu Põder: Space for My Body, curated by Cecilia Alemani, is the first comprehensive show of the Estonian artist (1947-2013) in Switzerland’s mountain region of Lower Engadine. A visionary artist. There are many more fancy materials in the visual arts than just chisel and paint.
Tatsächlich scheue ich mich, die Wörter „KZ Auschwitz“ in diesen Blog zu tippen. Oświęcim – also den polnischen Namen für den Ort, wo sich die Massenvernichtung der Nazis im Zweiten Weltkrieg (neben anderen Schauplätzen) zugetragen hat – wirkt weniger kontaminiert. Im November 2023 habe ich das Konzentrationslager erneut besucht, nachdem ich als Kind mit meinen Eltern dort war. Das war noch in der kommunistischen Zeit. Und obwohl dieser Besuch des KZ so lange zurück liegt, kann ich mich an die Details der Präsentationen genau erinnern: die Berge von abgenommenen Brillen der Häftlinge, die medizinischen Prothesen, die zu Türmen gehäuft waren oder die Mengen alter Blechnäpfe, aus denen die Lagerinsassen ihre dünnen Suppen zu essen hatten. Ich konnte mich aber auch an die Öfen in Birkenau erinnern, die im Wald versteckt unter Ruinen noch zu dampfen schienen von der unaussprechlichen Last, die sie vernichten mussten. Die mehr als betroffene, immer wieder mit den Tränen kämpfende polnische Frau, die die Touristen durchführte, erzählte uns weitere Schrecklichkeiten: Von dem Kannibalismus, den es im Lager gegeben hat, von der Wannsee-Konferenz des Jahres 1942, wo bei einem lustigen Abendessen, die industriell organisierte Deportation von Millionen europäischer Juden beschlossen wurde oder von den fiesen Tricks, mit denen die Lagerkommandanten die Häftlinge glauben machten, sie gingen lediglich in die Dusche, statt in eine Todeskammer. Oder von den Tonnen Asche, die in die die Gegend durchziehenden Flüsse gekippt wurden und die da noch zu hängen scheinen. Die heutige Anlage ist immer noch eindrücklich, eindrücklich einfach und unmanipuliert gelassen sind die sinistren Baracken in Auschwitz, aber auch das weite Gelände von Birkenau, bewusst als eine komplette Ruine inszeniert.
Das moderne Besucher:innen-Zentrum passiert man durch einen Security-Check, um anschliessend in einer Art Memorienkorridor zum eigentlichen Lagergelände zu kommen. Die Bilder, die ich in dieser nach dem Regen feuchten Luft gemacht habe, sollen daran erinnern, dass der Horror real stattgefunden hat.
E: I actually shy away from typing the words „Auschwitz concentration camp“ in this blog. Oświęcim – the Polish name for the place where the mass extermination by the Nazis took place during the Second World War (among other sites) – seems less contaminated. I visited the concentration camp again in November 2023, having been there with my parents as a child. That was still during the communist era. And although this visit to the concentration camp was so long ago, I can still remember the details of the presentations: the piles of removed glasses from the prisoners, the medical prostheses piled up in towers or the amounts of old tin bowls from which the camp inmates had to eat their thin soups. But I could also remember the ovens in Birkenau, which, hidden in the forest under the ruins, still seemed to be steaming from the unspeakable burden they had to destroy. The Polish woman who guided the tourists, who was more than affected and constantly fighting back tears, told us about other horrors: Of the cannibalism that took place in the camp, of the Wannsee Conference of 1942, where over a jolly dinner, the industrially organized deportation of millions of European Jews was decided or of the nasty tricks the camp commanders used to make the prisoners believe they were merely going into the shower instead of a death chamber. Or of the tons of ash that were thrown into the area. Or of the tons of ash that were dumped into the rivers running through the area and that still seem to hang there. Today’s site is still impressive, the sinister barracks in Auschwitz are impressively simple and left unmanipulated, but so is the vast area of Birkenau, which is deliberately staged as a complete ruin. You pass through a security check at the modern visitor center before arriving at the actual camp grounds in a kind of memorial corridor. The pictures I took in this humid air after the rain are a reminder that the horror was real.
Crazy Stadt: hügelig, powerig, konsumfreudig, historisch, unberechenbar, selbstbewusst, sexy. Mein erster Besuch im September 2023 war von Ambivalenzen geprägt: Der alte Hafen eine einzige Kneipenmeile, zugegeben, da gab es auch fantastisches, arabisch-inspiriertes Essen, aber ein Lokal neben dem anderen? Gleichzeitig sehr sorgfältig und dezent renovierte alte Bausubstanz wie das Fort Saint Jean oder die Vieille Charité. Dieses ehemalige Hospiz (gebaut 1671-1745) von Pierre Puget ist ein wunderbarer Ort der Ruhe, heute auch als Ausstellungsort genutzt. Und: das Mucem von Rudy Riciotti ist tatsächlich ein grossartiges Museum, die Ausstellung mit Videos zur französischen Alltagsgeschichte in der ‚Médinathèque‘, gehörte zum Besten, das ich seit langem gesehen habe. Alors on danse!
Crazy city: hilly, powerful, consumerist, historic, unpredictable, confident, sexy. My first visit in September 2023 was marked by ambivalences: The old harbor a single pub mile, admittedly, there was also fantastic Arabic-inspired food, but one pub next to the other? At the same time, very carefully and discreetly renovated old buildings like the Fort Saint Jean or the Vieille Charité. This former hospice (built 1671-1745) by Pierre Puget is a wonderful place of tranquility, today also used as an exhibition venue. And: the Mucem by Rudy Riciotti is indeed a great museum, the exhibition with videos on French everyday history in the ‚Médinathèque‘, was among the best I have seen in a long time. Alors on danse!
Triest/Italien: Die Risiera di San Sabba ist ein 1913 errichtetes Speichergebäude für Reis an der Grenze zu Muggia. Im Zweiten Weltkrieg war es unter Deutscher Besatzung ein Konzentrationslager für politische Gefangene, in dem über 2000 Menschen ermordet wurden. Das Lager diente auch als Transitstation für jüdische Menschen, die nach Auschwitz deportiert wurden. Der Gebäudekomplex wurde teilweise abgerissen und beherbergt heute ein Museum zur Lagergeschichte. Die eindrückliche Transformation zu einem architektonischen Mahnmal, das nichts vorgibt und alles offenlässt, stammt vom Triestiner Architekten Romano Boico, der das Gebäude in den 1970er-Jahren umbaute. (Fotos: Juli 2023)
Es braucht einige Fantasie, um in Wiens Donau-City einen poetischen Spaziergang zu inszenieren. Matthias Klos und Hans-Jürgen Poëtz haben sich daran gewagt und ein Projekt lanciert, dass die „Nullebene“ dieses Stadtteils in den Fokus nimmt. Mein Beitrag für den poetologischen Rundgang versucht die stadtplanerischen Versäumnisse zusammen mit der Local Brigitte Redl-Manhartsberger vor Ort zu analysieren. Fazit: Es könnte so viel besser sein!
Anfang Mai war ich eingeladen, die grossartige Ausstellung von Michèle Pagel im Salzburger Kunstverein zu eröffnen: nachgetragene Szenenfotos vom Event + ein paar Werke vom Studiovisit davor. Diesen Engel gibt es nicht mehr!
Ich freue mich sehr, beim diesjährigen 11. Architekturtheoretischen Kolloquim in Einsiedeln mit einem eigenen Beitrag dabei zu sein. Unten das Programm zum Downloaden, Gasthörer:innen sind willkommen, Anmeldungen unter: info@bibliothek-oechslin.ch
Mein Vortrag beschäftigt sich mit Emil Kaufmanns ausschließlich aus der Theorie entwickeltem Begriff der Autonomen Architektur.
Fortezza Chaschinas: Schlicht „Fortezza“ heisst die Engadiner Burgruine in Susch, erbaut 1635 in den Auseinandersetzungen um die Rückeroberung des Veltlins nach Art des französischen Festungswesens. Ein Besuch dort Ende Februar zeigt: Moos und Flechten haben sich diesen historisch pittoresk dahinmodernden Steinen und Hölzern bemächtigt. Und: Auch das Unterengadin trocknet aus.
Die Stiege, die zur grossen Halle des Courtauld Institute of Art in London führt, heisst auch – alles versprechend – „Aufklärungsstiege“. Dies, weil sie von unten, vom Dunkel ins Licht nach oben führt, wo sich der Eingang zu The Great Room, einem Ausstellungsraum, in dem die jährlichen Sommershows der Royal Academy gezeigt wurden, befindet. William Chambers, der Architekt, entwarf eine enge Spirale, auf deren hohen Stufen die zeitgenössischen Besucher*innen stolperten und sich gegenseitig behinderten. So wurde der Traum von der Aufklärung und einer besseren Welt zum Lachschlager für die Massen. William Chambers feiert seinen 300. Geburtstag: Geboren am 23. Februar 1723!
Am 6. Juni 1988 erschien das us-amerikanische Nachrichtenmagazin Time Magazine mit einer Titelgeschichte über Raisa Gorbatschow, die Ehefrau des in diesem Jahr verstorbenen letzten Staatspräsidenten der Sowjetunion. Neben einem Porträt, das Raisa strahlend lächelnd, aufgeweckt und mit modischem Pixiehaarschnitt zeigt, lautet die Überschrift der Story: Raisa – A new image for the Sowjet Union’s overworked, underappreciated women. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass Frau Gorbatschows Bekanntheit offenbar soweit vorausgesetzt werden konnte, dass allein ihr Vorname genügte, um sie dem amerikanischen Publikum zu präsentieren, sondern auch, dass „Raisa“ stellvertretend für die neue sowjetische Frau steht. Dies ist, so suggeriert das Foto, eine weltoffene Person, die das düstere, von grauen Politbonzen und undurchdringlichen Mienen geprägte Sowjetimperium durch Charme und Esprit ausgebremst hat. Bemerkenswert aber ist auch das Emblem unter ihrem Namen, eine grafische Fusion von Internationalem Frauenzeichen und dem kommunistischen Hammer und Sichel des Arbeiter- und Bauernstaats. Dies alles signalisiert Wandel und Aufbruch in eine neue Epoche – eine Epoche, die nur ein Jahr später mit dem Fall des Eisernen Vorhangs einen Kristallisationspunkt erreichen würde.
Zu dieser medialen Präsentation als neuem Gesicht einer Bewegung gehört indes auch ein besonderer Look, der mit einem eigenen Kleidungsstil verbunden ist: Raisa Gorbatschow trägt eine Bluse in apartem Streifenmuster in hellen, pastellenen Farben. Und dieser Look hat einen Namen: Anna Andreeva. Als Künstlerin einer staatlichen Textilfabrik entwarf sie im Laufe ihres Lebens hunderte von geometrischen Designs, die eine eigene Form von russischem Modernismus begründeten, etwas, das die staatlichen Eliten eigentlich durch die Etablierung des strikt figurativen Sozialistischen Realismus zu verhindern suchten. Raisa Gorbatschows und mit ihr viele weitere Berühmtheiten des öffentlichen Lebens in der Sowjetunion liebten aber gerade diese frischen Motive und den damit verbundenen Style.
Anna Andreeva (1917-2008) war aber nicht nur eine experimentelle Künstlerin, die beispielsweise den Zufall in ihre Designs einbaute, sondern auch eine bemerkenswerte, unabhängige Figur innerhalb der russischen Kulturwelt, da sie nie Mitglied der kommunistischen Partei war. Sie war die führende Entwerferin in einer der prestigeträchtigsten und stolzesten staatlichen Textilfabriken, der nach Rosa Luxemburg benannten Red Rose Silk Factory, wo sie Schals und Stoffe entwarf, gleichzeitig aber das rigide kontrollierende Politsystem ständig mit ihren autonomen Designentwürfen unterlief. Geboren wurde sie in eine aristokratische russische Familie in der Nähe von Tambov, rund 400 Kilometer südöstlich von Moskau, wo sie die Wirren der kommunistischen Revolution als kleines Kind erlebte. Sie erhielt ihre Ausbildung zur Textildesignerin in der berühmten Schule der Vchutemas, der radikalen Avantgarde-Kunstschule der frühen Sowjetzeit. Wurden Frauen am Bauhaus der Weimarer Republik – dem Pendant zu den Vchutemas – eben aus dem Grund, weil sie das falsche Geschlecht verkörperten, nicht zur Architekturausbildung zugelassen, so war die diesbezügliche Ablehnung, die Andreeva erfuhr, ihrer aristokratischen Herkunft geschuldet. Die Konsequenz war in beiden Fällen dieselbe: Frauen besuchten die Textilklassen ihrer avantgardistischen Schulen, weil Textil ein vermeintlich dem Weiblichen zugeordnetes künstlerisches Medium war. Anna Andreeva konnte für ihre Designs bereits auf eine abstrakte Tradition zurückgreifen, die bis zum Konstruktivismus zurückreichte: Varvara Stepanova, Liubov Popova oder Ludmila Mayakovskaya (die Schwester von Vladimir Mayakovski), führende Künstlerinnen Moskauer Textilfabriken, haben in den 1920er-Jahren begonnen, Stoffe mit abstrakten Mustern zu entwerfen. Diese Annäherung an die internationale Avantgarde hielt sich nur kurze Zeit: Die Verbannung jeglicher abstrakter Kunst wurde später mit dem Verweis auf deren „bourgeoise“ Herkunft begründet.
Als Anna Andreeva 1941 in die staatliche Red Rose Silk Factory aufgenommen wurde, hatte sie ihre Ausbildung beendet und war eine junge Künstlerin, imprägniert von modernistischen Ideen und immer auf der Suche nach einer wissenschaftlichen, beziehungsweise einer mathematischen Begründung ihrer Kunst. Sie interessierte sich für die Beziehungen zwischen dem ästhetischen Auftritt und dem materiellen Gefüge, die sich im Textilen aus dem repetitiven Entstehungsprozess des Rapports (der irreversiblen Wiederholung eines Musters) ergeben. Und so entwarf sie geometrische Kubenmuster, Stoffe mit verschiedenen Zahlenkombinationen oder von der damaligen Modewissenschaft Kybernetik inspirierte Ornamente, die algorithmische Strukturen zu zitieren scheinen. Sie erfand vorzeitig ein Design, das mit einem QR-Code gleichgesetzt werden kann, und zwar bereits im Jahr 1978. Wie ähnlich dieses Muster dem heutigen QR-Code tatsächlich ist, illustriert die Tatsache, dass es einem Besucher vor ein paar Jahren in der Moskauer Tretjakow Galerie nicht gelang, ein Bild davon mit dem Smartphone zu fixieren, da das Handy die Verwendung eines Q-R-Scanners forderte. Jedoch waren gerade solche Entwürfe enorm rechtfertigungsbedürftig bevor sie in die Produktion gingen. Inzwischen hatte sich der Imperativ der staatlichen Kunstdoktrin gedreht, er lautete nun Sozialistischer Realismus und Figuration war Gebot. Dass Anna Andreeva in dieser Situation überhaupt entwerferisch tätig sein konnte, war ihrer immensen Originalität geschuldet, die es ihr erlaubte, künstlerisch-revolutionäre Designs mit den offiziellen Maßstäben der proletarischen Eliten zu vereinbaren. …. Weiterlesen auf Monopol.de