Eigentlich hatte ich schaurig Glück

PG: Wie gehst du mit den Mechanismen des Kunstmarkts um, schaust du darauf nicht zu einer Marke zu werden?

RS: Ich habe mich immer dagegen gewehrt, zu sehr als Spektakelkünstler wahrgenommen zu werden. Der Erfolg ist zwar eine gewisse Bestätigung, aber arbeiten konnte ich früher ruhiger. Nun ist es stressiger geworden: Früher gab es keine Emails, wir hatten auch kein Fax und ein Handy sowieso nicht. Wenn du zuviel Ausstellungen machst, schadet man sich als Künstler doch eher, weil man dann keine Zeit mehr hat, Ausstellungen zu entwickeln, oder? Ich versuche halt auch zu den Ausstellungen immer wieder etwas Neues zu machen.

PG: Der zeitgenössische Kunstbetrieb fordert aber geradezu eine Haltung des permanenten Zurverfügungstehens. Wie gehst du damit um?

RS: Ich bin nicht aus Geldgründen Künstler geworden, sondern weil Kunst für mich auch ein Abenteuer bedeutet und das Leben spannend macht. Ich arbeitete ja auch in einem Büro als Bauzeichner, da wurde ich krank und musste weg davon. Damals ging es, pathetisch gesprochen, um Sein oder Nichtsein. Und ich dachte plötzlich, ich muss jetzt alles auf eine Karte setzen, sonst sterbe ich; ich muss etwas wagen. Ich wusste, ich muss mehr Mut aufbringen, ich werde jetzt Künstler, und mir ist scheissegal, ob die Leute dies verstehen und gut finden würden.

PG: Woher kam deine Affinität zur bildenden Kunst?

RS: Mein Vater war Musikerm, und er hatte auch Künstlerfreunde, aber in Appenzell, wo ich geboren wurde, gab es diesbezüglich wenig. Mein Glück war, dass ich im Alter von 18 Jahren mit meinen Eltern nach St. Gallen gezogen bin, das war für mich eine ganz wichtige Zeit. Ich konnte hier Galerien besuchen und habe meine Schwellenangst überwunden. Ich begann viel zu lesen und mich für Kunst zu interessieren. Anfangs war Architektur für mich stark im Vordergrund. Architektur als Skulptur interessierte mich, daher auch mein Bezug zur Skulptur, zum Dreidimensionalen.

PG: Welche Künstler:innen, welche Kunst hat dich damals interessiert?

RS: Ausgehend von der Architektur waren dies zunächst Frank Lloyd Wright, Le Corbusier, Richard Neutra, Walter Gropius – Architekten der Moderne. Ich hatte einen gewaltigen Nachholbedarf, da ich eigentlich gar nichts wusste: Angefangen beim französischen Impressionismus – Cezanne – danach kam sehr schnell die Gegenwartskunst, kamen die Amerikaner: Bruce Nauman, Robert Morris, sowie Künstler der Land Art. Ich nahm ganz einfach zur Kenntnis, was da passierte. Das spielte sich in einem grösseren Rahmen ab, wo Film, Musik und Literatur dazugehörten. Ich war ja früher sehr sportlich und habe mich viel körperlich betätigt, bin Kajak gefahren etc. Als ich krank wurde, merkte ich, dass ich meine Abenteuer in geistige Abenteuer umlenken muss und sie auch selber konstruieren muss. Durch meine Krankheit konnte ich einfach keine weiten Entdeckungsreisen mehr machen.

PG: Diese Krankheit war also ein sehr realer Einschnitt in deinem Leben.

RS: Es war eine absolute Zäsur. Ein Jahr lang war ich rekonvaleszent, und ich konnte nicht arbeiten. Aber ich hatte viel Zeit nachzudenken und die Natur zu beobachten.

PG: Welche deiner Arbeiten waren rückblickend für dich besonders wichtig?

RS: 1971/72 war ich mit einem Bundesstipendium in Polen, und ganz frühe Werke waren damals ein Sandkubus, sowie eine Tonplatte, in die ich mit meinem Körper sprang, die hiess „Selbstbildnis durch Gewicht und Fallhöhe“. Das war der Anfang meiner Arbeit, eine Standortbesinnung. Und dann gab es immer wieder ganz einfache Arbeiten, die mir wichtig waren, auch eine Sandtreppe z.B. Meine erste Ausstellung hatte ich dann erst mit 35 Jahren, war also gar kein junger Künstler mehr.

PG: Wann hast du mit den Aktionen angefangen?

RS: Der Schritt zur Aktion kam 1981, aber die Einleitung dazu, der Schritt zum Film, fand bereits 1975. statt. Anfangs habe ich die Filme vor allem Freunden gezeigt, die dann allmählich auch den Wunsch äusserten, selber bei den Aktionen dabei zu sein, und schliesslich wurde das von 1981 bis jetzt zu meinem Ansatz in der Kunst. Auch wenn ich jetzt immer weniger Aktionen vor Publikum mache, ist es dennoch ein wichtiger Teil meiner Arbeit geblieben. Ich mache aber nur noch die Sachen, die ich zwingend finde live. Ich kann diese Aktionen, die einen Körpereinsatz fordern, einfach nicht mehr machen. Für mich waren die Explosionen ein Mittel für die Kunst um meine Skulpturen zu realisieren.

PG: Worum ging es dir primär bei deinen Aktionen und Arbeiten?

RS: Immer ist die Skulptur im Zentrum. Aber der Unterschied besteht in der Vermittlung. Die Arbeit ist viel ruhiger, es gelingt meistens besser, weil die Stimmung weniger nervös ist, die Filmaufnahmen werden besser – kurz, es ist ein besseres Schaffen. Mit den Aktionen vor Publikum habe ich praktisch aufgehört. Früher sind die Leute einfach wirklich nur wegen der Aktionen gekommen, aber es war immer auch ein grosser finanzieller Aufwand, allein schon für das Arbeitsmaterial. Eine Aktion erscheint extrovertierter als wenn ich etwas für mich allein mache. Ich habe immer gesagt, dass das Publikum durch eine Transformation die Herstellung einer Skulptur live mitverfolgt.

PG: Stört es dich, wenn du mit deiner Arbeit generell immer im Zusammenhang mit einer „Erweiterung des Skulpturenbegriffs“ genannt wirst?

RS: Ich habe so etwas selbst nie behauptet.

PG: Dein Weg ging mehr übers Ausland als über die Schweiz. Warum eigentlich?

RS: Ich weiss es nicht, selbst nach meiner grossen Dokumenta-Aktion 1987 wurde in der Schweiz kaum über meine Arbeit berichtet. Ich wurde einfach nicht wahrgenommen, St. Gallen lag halt damals völlig in der Provinz, das Kunstmuseum war noch geschlossen, usw. Im Ausland dagegen bin ich viel stärker wahrgenommen worden: Frankreich, England, Amerika, Holland und Österreich waren eigentlich die wichtigsten Orte für mich. Deutschland etwas weniger, dort fand man meine Arbeit immer zu wenig intellektuell. 1997 wurde ich zu den Skulpturen Projekten Münster eingeladen, und dies war dann der Durchbruch. Danach „entdeckte“ mich die Galerie Hauser & Wirth, und von da an kann ich auch von meiner Kunst leben. 

PG: Was interessiert dich besonders an der Natur, wenn du deine Arbeiten in der Natur entwickelst?

RS: Die Natur ist eine Inspirationsquelle für mich. Ich beobachte zum Beispiel sehr gerne und sehr genau Wasserströmungen – wie jetzt in der Limmat -, da habe ich vielleicht auch ein spezielles Auge dafür. Ich bin kein ausgesprochener Pflanzenkenner, sondern vielmehr interessiert mich die Dynamik in der Natur: Lawinen, Vulkane – Naturkräfte also. Energie, ja, die spielt eine grosse Rolle. Vor allem das Zeitmoment ist sehr wichtig. Aber auch Energie in Bezug auf physikalische Kräfte, weniger Körperenergie, sondern eher vulkanische Kräfte, Wellen oder Wasserströme, Erdbeben oder Bergstürze, Lawinen. Katastrophen interessieren mich auch, aber nicht die vom Menschen verursachten, sondern Naturkatastrophen.

PG: Roman, du kannst dich eigentlich nicht beklagen über deinen Werdegang, oder?

RS: Eigentlich hatte ich schaurig Glück. So viele Stationen, viele interessante Erfahrungen, und viele Leute, die sich interessiert haben.

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